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Vom Manuskript zum kritisch edierten Text

«Etwas Rätselhaftes ist beim Schaffen mit dabei… !», bemerkte Othmar Schoeck gegenüber Werner Vogel. Die Äusserung deutet darauf hin, dass künstlerisches Schaffen sich in einem letztlich unergründbaren Bereich bewegt. Doch Komponieren ist auch, vielleicht sogar in erster Linie, Knochenarbeit. Von diesem mühevollen Ringen berichten die Manuskripte.

Der kompositorische Prozess läuft bei Schoeck in der Regel über vier durch die Überlieferungsstufen dokumentierte Stationen:
1) Skizzen
2) Bleistiftoriginal
3) Tintenreinschrift
4) Druck
5) Der Text der Gesamtausgabe

(Vgl. dazu Beat A. Föllmi, «Von der Skizze zum Druck: Zum Kompositionsprozess bei Othmar Schoeck» in: «Schriftenreihe», Heft 1)

 

1. Die Skizzen

Schoeck hat vergleichsweise wenige Skizzen hinterlassen. Die Zahl der Skizzen zu einer Komposition hängt mit Besetzung und Umfang des jeweiligen Stückes zusammen. So existieren zu den meisten Liedern überhaupt keine, zu den abendfüllenden Opernwerken eine ganze Reihe von Skizzen.
Die Mehrzahl der Skizzen ist mit Bleistift aufgezeichnet. Sie finden sich oft auf losen, eigens zu diesem Zweck beschriebenen Notenbogen bzw. -blättern. Die Skizzen zeigen: Nicht harmonische, modulatorische, kontrapunktische oder motivische Möglichkeiten werden ausprobiert, sondern fertige Bausteine notiert, die sich in vielen Fällen fast unverändert in den weiteren Kompositionsstufen wiederfinden.

 

 

 

2. Das Bleistiftoriginal

Die nächste, in vielen Fällen überhaupt die erste Stufe des Kompositionsprozesses stellt das sogenannte «Bleistiftoriginal» dar. Das Bleistiftoriginal ist die erste Niederschrift einer Komposition in ihrem gesamten Ablauf. Der Kompositionsprozess ist in diesem Stadium schon weit fortgeschritten: Entscheidende Elemente des Stückes – Tonhöhe, Rhythmus und gelegentlich sogar Artikulation und Phrasierung – werden im weiteren Verlauf der Ausarbeitung kaum mehr verändert.
Bei Kompositionen mit umfangreicherer Besetzung, wie Orchesterliedern, grösseren Chorwerken oder Orchesterkompositionen, ist das Bleistiftoriginal in Form eines Particells notiert. Typisch für Schoecks Particell-Notation ist die Aufzeichnung in der Art einer zwei- bzw. vierhändigen «Klavierreduktion».

 

 

 

3. Die Tintenreinschrift

Die Tintenreinschrift ist die Abschrift des Bleistiftoriginals. Als Schreibmittel diente eine dünne Feder und schwarze Tinte. Tintenreinschriften sind saubere Manuskripte fast ohne jede Streichung. Schoeck betrachtete die Tintenreinschrift offensichtlich als den vorläufigen Abschluss einer Komposition, weshalb er sie fehlerlos niedergeschrieben haben wollte.
In der Anfertigung einer Tintenreinschrift ist wesentlich mehr zu sehen als eine blosse Abschrift. Im Vorgang des Abschreibens wurde all das ausformuliert und präzisiert, was im Bleistiftoriginal nur angedeutet wurde: Artikulation, Phrasierung, dynamische Vorschriften. Mit der Abschrift eines Particells verband sich zugleich die Arbeit des Instrumentierens.

 

 

 

4. Der Druck

Die meisten von Schoecks Kompositionen konnten zu seinen Lebzeiten gedruckt werden. Als Druckvorlage diente in der Regel die Tintenreinschrift, was sich aus dem Vorhandensein von Stechereintragungen in den Manuskripten zweifelsfrei nachweisen lässt. Zuweilen auftretende, meist geringfügige Differenzen zwischen der Tintenreinschrift und dem Druck lassen darauf schliessen, dass Schoeck auf den Fahnenabzügen noch Korrekturen vorgenommen hat.
Falls die Drucklegung vom Komponisten selbst überwacht wurde, das heisst, falls er die Korrekturabzüge selbst gelesen hat, kommt dem Druck ein hoher Quellenwert zu: Er stellt die für die Öffentlichkeit bestimmte Endfassung einer Komposition dar.

 

 

 

5. Der Text der Gesamtausgabe

Die Edition des Notentextes richtet sich nach folgenden Grundsätzen. Die Anlage der Partitur wird zum Zweck der besseren Übersicht durch die Vereinheitlichung der Instrumentenangaben vor der Akkolade und die Unterbrechung der Taktstriche zwischen den vokalen und den instrumentalen Gruppen modernisiert. Im übrigen bleibt der edierte Text so nahe an der Quelle wie möglich. Eigenheiten in der Notierung Schoecks (z.B. in der Pausenschreibung) werden beibehalten, wenn sie etwas über den Charakter der Musik aussagen. In allen anderen Fällen werden der Ausgabe die heute gebräuchlichen Regeln der Orthographie zugrunde gelegt. Inkonsequenzen in der Schreibweise werden, wenn die Erwähnung von Interesse sein könnte, mit einem Vermerk im Kritischen Bericht, ansonsten stillschweigend berichtigt.

 

 

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